18. Januar 2017

Florian Huber - "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt."

Es gibt ein Thema, um das ich immer einen großen Bogen mache: Misshandelte Kinder.
Dieser Buchtitel fiel mir jedoch direkt ins Auge. Ich stellte mir die Frage: „Wie kann jemand so etwas zu seinem Kind sagen?“.

Als ich dann den Buchrücken las, war mir sofort klar: das Buch muss ich lesen!




Buch:

Florian Huber
Kind, versprich mir, dass du dich erschießt; Der Untergang der kleinen Leute 1945
Piper Verlag GmbH, Mai 2016
Preis: 11,40 Euro
Taschebuch, 304 Seiten
Genre: historisches Drama




Inhalt:

Das Buch ist in vier Teile, mit mehreren Kapiteln unterteilt.

Florian Huber beginnt im ersten Teil mit der Geschichte von Demmin, einer kleinen Stadt in Vorpommern. Sie liegt an dem Dreiländerstrom und man kann sie nur über Brücken Richtung Westen/ Osten verlassen. Sie umfasst ca. 15 000 Einwohner und tausende Flüchtlinge.
Huber schreibt von vier zentralen Personen und wie sie das Kriegsende 1945 erleben.
Eine davon ist Marie Dobs, 42 Jahre und gebürtige Demminerin. Ihr Mann Walter wurde einberufen. Zusammen haben sie zwei Kinder: Nanni und Otto.
Vieler ihrer Nachbarn verlassen Demmin und Marie wägt es ebenfalls in Erwägung. Der Polizeioberst verspricht ihr, sie im Notfall als Letzte mit aus der Stadt zu bringen und erreicht somit, dass sie bleibt.
Erst als SS-Offiziere, der Landrat, Bürgermeister und andere höhere Leute die Stadt verlassen, merkt sie, wie dumm sie eigentlich ist. Demmin wird aufgegeben. Die Soldaten ziehen ab.
Marie entschließt sich schließlich doch zur Flucht. Sie packt einen kleinen Handkoffer mit Lebensmitteln, Kognak und Zigaretten als Tauschware. Einen größeren Koffer mit Kleidung, einem Daunenbett und den Fotoalben der Kinder. Alles wird auf die Fahrräder geschnallt. Doch als sie losrollen, sprengen die Offiziere die Brücken und es gibt kein Entkommen mehr aus Demmin. Alle sitzen in der Falle.
Schließlich kommt der Krieg nach Demmin in Form von Fliegern und die Roten Armee ist auch nicht mehr weit.

Von der Stunde an beginnt das große Selbstmorden.
Menschen ertränken sich in Flüssen, Wassersammelbecken oder kleinen Bächen. Dabei binden Frauen ihre Kinder aneinander und gehen zusammen mit ihnen in den Tod.
Diejenigen, die eine Waffe haben, erschießen sich.
Es gibt ganze Familien, die sich vergiften.
Eine Mutter hat erst ihre fünf Kinder erhängt und sich selbst dann die Pulsadern aufgeschnitten.
So waren bis zum Eintreffen der roten Armee schon Hunderte tot. Die genauen Zahlen weiß man bis heute nicht. Aber die Dunkelziffer liegt bei Tausenden.

Diejenigen, die noch warten oder sogar noch Hoffnung auf ein gutes Ende haben, erwartet Wut, Hass und grausamste Brutalität. Zahlreiche Frauen werden vergewaltigt.
Viele wählten daraufhin den Freitod und nahmen ihre komplette Familie mit sich.
Demmin ist die Stadt mit der größten Selbstmordrate in dieser Zeit.

Im zweiten Teil geht es um die Selbstmorde in Berlin, die ebenfalls ein enormes Ausmaß angenommen haben.

Im dritten Teil versucht er die Antwort darauf zu finden, wie Hitler an die Macht kommen konnte. Was die Menschen dazu getrieben hat, ihn zu wählen und ihn zu vergöttern.

Im vierten Teil beschreibt Huber die Zeit nach dem Krieg. Wie verhalten sich die Deutschen? Wie erklären sie ihr Verhalten?

Meine Meinung:

F. Huber ist in seinem Buch auf der Frage nach „dem Warum“.
Dabei hat er sich auf Tagebücher, Lebensberichte und Bücher bezogen. Sein Schreibstil ist klar und er hält persönliche Wertungen raus. „Gott sei Dank“ hat er auf bildreiche Beschreibungen verzichtet.
So kann man das Buch mit dem nötigen Abstand lesen.
Dennoch hat es mich tief berührt.

Ich gebe zu, dass ich bei diesem Thema eine Wissenslücke hatte. Ich wusste nichts über die große Selbstmordepidemie.
Dieses Buch hat mich nicht nur diesbezüglich aufgeklärt, sondern ich verstehe jetzt auch, was die Menschen in Hitler sahen und von ihm erhoffen.
Huber hat mir die Angst, die Verzweiflung und – nach dem Krieg – die Sinnlosigkeit nahegebracht.

Der Buchtitel taucht später im Buch erneut auf und dann habe ich den Satz auch wirklich verstanden und nachvollziehen können.
Dennoch stellt man sich die Frage: „Würde oder hätte ich es auch so getan?“


Fazit:

Dieses Buch ist für jeden, der sich für die deutsche Geschichte, besonders zwischen 1933-1945, interessiert. Dein Alter sollte jedoch die 16 nicht unterschreiten.
Ein verschwiegenes Thema wird öffentlich gemacht.
Für mich ein durchaus gelungenes Buch, welches ich gerne weiterempfehle.

Von mir erhält es 5 von 5 Sternen.

*****


Weitere Informationen auf meiner Facebook-Seite.

Kommentare:

  1. Schöne Rezension! Sehr übersichtlich gegliedert. Hat mir gefallen.

    AntwortenLöschen
  2. Das freut mich sehr. Bald habe ich ein Buch von Hardy Krüger auf meinem Blog, das dir hoffentlich genauso gut gefällt.

    AntwortenLöschen