Ohne
große Umschweife heiße ich dich beim 17. Türchen des
„Bücherblog-Freyheit-Adventskalender“´s willkommen. Aber
jetzt zurück zu Sam, Alec und Nate.
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Als ich die Augen aufschlug, war ich mir einen
Moment nicht sicher, ob ich vielleicht noch träumen würde. Mein
Körper fühlte sich unnatürlich leicht an. Ich konnte meine Glieder
kaum spüren. Doch als ich den Kopf anhob, um an mir
herunterzublicken, durchfuhr mich ein einnehmender Schmerz. Der
Muskelkater war ein Attribut der anstrengenden Suche. Stöhnend rieb
ich mir über das Gesicht. Ich spürte, wie die Angst um Nate und
Wilson sich langsam zurück in meine Gedanken schlich, aber noch
versuchte ich sie weitestgehend zu unterdrücken. Ich fühlte mich
noch nicht bereit, die Wahrheit zu erfahren. Letztlich überwältigten
meine Gefühle mich doch und ich sprang, so schnell es meine
erschöpften Glieder zuließen, aus dem Bett. Im Haus war es
ungewohnt still. Vielleicht waren die anderen im Krankenhaus? Aber
sie hätten mich sicher nicht allein gelassen. Ich stieß die Tür zu
Nates Zimmer auf – es war leer. Panik machte sich in mir breit. Als
ich nach meinen Eltern rufen wollte, kam nur ein unverständliches
Kratzen aus meiner zerschundenen Kehle. Das Schlafzimmer meiner
Eltern war leer, das Bett unangetastet. Auch in der Küche war
niemand anzutreffen. Zwei halbvolle Gläser Wein standen auf dem
Esstisch. Eine abgebrannte Kerze hatte Wachs auf der Mitte des
Holztisches verteilt.
„Wilson?“, rief ich, als ich den
sauberen Napf hochhob.
Keine Krallen auf Holz. Keine schweren,
langsamen Schritte auf der Treppe. Wilson war nicht hier.
Plötzlich
hörte ich ein leises Geräusch aus dem Wohnzimmer. Ohne zu zögern
folgte ich diesem. Alec stand am Fenster, so wie an dem Abend, als
ich heimgekommen bin. Auch jetzt konnte ich sein Gesicht nicht sehen,
weil er mir den Rücken zugewandt hatte. Er drehte leicht den Kopf,
als er mich ins Zimmer stolpern hörte.
„Alec? Was ist hier
los?“, fragte ich heiser.
Er seufzte tief, presste seine
Handfläche an das Fensterglas, als könne er dadurch auf die andere
Seite gelangen und ließ den Kopf angeschlagen hängen. Sein Anblick
versetzte mich emotional in die Zeit kurz vor unserer Trennung. Als
er fast jede Nacht einen Schub hatte und sich zu einer ernsten Gefahr
für mich entwickelt hatte. Als er sich endlich eingestand, dass er
ohne Hilfe das Erlebte nicht verarbeiten würde können. Als er
endlich die Worte des Arztes nutzte, die er so lange gemieden hatte:
Alec hatte eine posttraumatische Störung.
„Wo sind sie, Alec?“,
fragte ich unter Tränen.
„Es tut mir so leid, Samantha.“,
flüsterte er.
Sein heißer Atem beschlug die Scheibe. Er mied
noch immer meinen angsterfüllten Blick.
„Nate..?“, mehr
brachte ich nicht heraus.
Die Hand an der Scheibe formte sich zu
einer Faust. Ich schlug mir schockiert die Hände vor das Gesicht.
Das konnte nicht sein! Das dürfte nicht wahr sein!
„Er lebt.“,
sagte Alec schnell, als er mein ersticktes Schluchzen hörte. „Aber
er ist nicht wieder zu Bewusstsein gekommen.“
Und endlich drehte
er sich zu mir und ich konnte ihm ins Gesicht sehen. Er war unrasiert
und hatte dunkle, schwarze Schatten unter den müden Augen. Jemand
hatte ihm die Nase gebrochen. Er trug die gleiche Kleidung, wie zum
Zeitpunkt der Suche.
„Wie lange war ich weg?“
Meine Stimme
zitterte weniger, als ich bei meinem Zustand vermutet hätte.
„Ein
paar Stunden. Deine Eltern sind bei Nate im Krankenhaus. Sie wollten,
dass ich abreise.“, erzählte er schwach. „Verständlicher
weise.“, fügte er hinzu und schloss schmerzerfüllt die
Augen.
„Warum bist du dann noch hier?“, wollte ich wissen.
Ein
neues Gefühl mischte sich ein: Wut. Er wusste, in welchem Zustand er
sich befand. Er wusste, dass er eine Gefahr für sein Umfeld
darstellte und war trotzdem der Einladung meiner Eltern gefolgt. Das
war alles seine Schuld!
Er hob den Blick und sah mir zum ersten
Mal seit dem Vorfall in die Augen. Überwältigt stolperte ich einen
Schritt nach hinten. Ich hatte noch nie so viel Schmerz in jemandes
Gesicht gesehen. Nicht einmal, als ich ihn gebeten hatte, unsere
Wohnung und mich zu verlassen. Vielleicht hätte ich ebenfalls
einiges verhindern können, wäre ich offen und ehrlich zu meiner
Familie gewesen.
Mich überfiel das Verlangen nach Nähe –
körperlich und emotional. Ich schlang die Arme um seinen kräftigen
Oberkörper und er zog mich in einer besitzergreifenden Geste dichter
an sich. Wir hielten uns eine ganze Weile aneinander fest und lösten
uns erst voneinander, als das Telefon klingelte. Aber als ich zum
Telefon ging, um den Anruf anzunehmen, hielten wir uns noch immer an
den Händen.
„Ja?“, krächzte ich in den Hörer.
„Sammy?
Hier ist Dad.“, sagte die ruhige, aber angeschlagene Stimme meines
Vaters am anderen Ende der Leitung.
„Dad! Wie geht es Nate?“,
erkundigte ich mich sofort.
„Der Arzt sagt, sein Zustand sei
stabil. Er habe das Gröbste überstanden. Aber sie sind sich nicht
sicher, ob er... den Unfall... unbeschadet überstehen wird, da die
Sauerstoffzufuhr zu seinem Gehirn vielleicht zu lange... unterbrochen
worden war.“, erklärte mein Vater, wobei er angestrengt auf seine
Wortwahl achtete.
„Heißt das, er liegt im Koma?“, hakte ich
atemlos nach. Alec drückte unterstützend meine Hand.
„Das
heißt, deine Mutter und ich nehmen uns ein Zimmer im örtlichen
Hotel.“, antwortete mein Vater ausweichend, aber mit fester
Stimme.
„Gut. Ich komme auch.“, sagte ich.
Alec kniff
bedauernd die Augen zusammen. Er wusste etwas, das mir unbekannt
war.
„Das wird nicht möglich sein, Schatz.“, bestätigte mein
Vater. „Der ganze Ort ist zugeschneit. Wir können froh sein, dass
ein Rettungshubschrauber in der Nähe war und Nathan dadurch so
schnell wie möglich Hilfe bekommen konnte.“
„Aber ich muss zu
ihm.“, widersprach ich schwach.
„Wenn er wach ist, erkläre
ich es ihm.“, versprach er. „Kümmere du dich um dich selbst.
Gehe nicht hinaus, Samantha!“ Es folgte eine lange Pause. „Ist
Alexander noch da?“, fragte er dann.
„Ja.“
„Dann sei
vorsichtig, Sammy! Halte dich von ihm fern.“, bat mein Vater beinah
flehend.
Ich sagte nichts.
„Frohe Weihnachten, Schatz. Wir
melden uns.“, beendete mein Vater nach einer Weile Schweigen das
Telefonat und ich legte den Hörer zurück auf die Station.
Alec
musterte mich interessiert. Er hob fragend die Augenbrauen.
„Es
ist Weihnachten.“, bemerkte ich.
Sofort kehrte Leben in Alecs
trauriges, schuldbewusstes Gesicht zurück.
„Wir können
trotzdem feiern.“, versicherte er mir tatkräftig.
„Mir ist
nicht nach Feiern zumute.“
Bevor ich wegen seines verletzten
Blicks Schuldgefühle bekam, flüchtete ich mich in mein Zimmer und
schloss die Tür hinter mir ab. Als mein Blick auf Wilsons Decke
fiel, brach ich zusammen.
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Bücherblog-Freyheit wünscht dir einen schönen 3. Advent!