16. Dezember 2017

Türchen 16

Willkommen zum 16. Türchen des „Bücherblog-Adventskalender“s. Die Geschichte neigt sich dem Ende zu und heute beginnen die Dinge sich zuzuspitzen.

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Die Schneewehen waren so dicht, dass ich kaum die eigene Hand vor Augen erkennen konnte. Dick eingepackt machten wir uns zu fünft auf die Suche nach Wilson, der irgendwo im Sturm herumirrte. Mein Körper zitterte unkontrolliert. Ich wusste nicht, ob es an der Eiseskälte oder an der Angst um Wilson lag. Wir hatten beschlossen, uns in zwei Gruppen zu teilen. Meine Eltern wollten in Richtung Süden gehen, Nate, Alec und ich peilten den Norden an. Nate führte uns zu der Stelle, wo er Wilson das letzte Mal gesehen hatte. Wir suchten nach alten Spuren, aber der Schnee hatte sie schon wieder verdeckt und die Schneedecke sah wieder unberührt aus.
„Vielleicht sollte jeder in eine Richtung gehen.“, schrie ich durch das Heulen des Windes.
Alec schüttelte vehement den Kopf.
„Wir bleiben zusammen.“, beharrte er und griff nach meiner Hand, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen.
Normalerweise würde ich meine Hand wegziehen, aber momentan hatte ich größere Sorgen, als einer Versöhnung mit Alec zuzustimmen. Mit meiner anderen Hand griff ich nach Nate und zusammen setzten wir uns in Bewegung. Wir riefen eine Zeit lang nach Wilson, aber es war zu kalt, sodass unsere Gesichter bald taub waren und so stark schmerzten, dass wir die Schals wieder bis über die Nase ziehen mussten.
Die Stunden verstrichen. Mir tat jeder Muskel meines Körpers vom Durchkämpfen durch den hohen Schnee weh, jede Pore meiner Haut brannte und in meinen Augenbrauen und Wimpern hatten sich Schneeklümpchen gebildet. Als die Sonne begann, hinter den Bergzipfeln zu verschwinden, wurden die Schritte der Männer langsamer. Aber ich lief weiter. Ich ignorierte Nates Rufe.
„Sam, wir müssen zurück!“, brüllte er, direkt neben mir und hielt mich am Arm fest.
„Ich lasse ihn nicht hier draußen.“, widersprach ich.
Ich konnte die Hoffnungslosigkeit im Gesicht meines Bruders sehen. Ich wusste, dass er glaubte, für Wilson käme schon jede Hilfe zu spät. Aber das wollte ich mir noch nicht eingestehen. Ich konnte es noch nicht. Zusätzlich zum Schneetreiben vernebelten mir jetzt auch aufkommende Tränen die Sicht.
„Sammy, bitte!“, flehte Nate, dem selbst Tränen über die Wangen rannen.
„Er verlässt sich auf uns, Nate.“, blieb ich standhaft.
Ich sah zu Alec, der meinem Blick mit entschlossener Miene begegnete. Ich war mir sicher, dass er mir überall hin folgen würde.
„Was denkst du?“, fragte ich ihn.
Er antwortete etwas, aber ich konnte es nicht verstehen, weil über uns ein Hubschrauber flog. Ich beobachtete kurz, wie er sich von uns entfernte und fragte mich, ob wir vielleicht nicht die einzigen waren, die etwas im Schnee verloren hatten. Dann hörte ich den Schrei. Einen kurzen Augenblick lang dachte ich, Alec und Nate wären vom Schnee verschluckt worden, denn egal wohin ich sah, ich konnte sie nicht entdecken. Dann nahm ich Bewegungen ein paar Schritte von mir entfernt wahr. Erschrocken kämpfte ich mich zu den beiden, die eingesunken im Schnee lagen. Alec hatte die Hände an Nates Hals gelegt und seine Daumen drückten auf die Erhöhung an Nates Hals – seinen Kehlkopf. Er schüttelte Nate. Nates Augen waren vor Schock und Angst aufgerissen, einzelne Äderchen geplatzt, sodass die Augen unnatürlich rot und blutig wirkten. Seine Lippen hatten eine bläuliche Farbe angenommen und sein Gesicht war ganz blass. Kreischend schmiss ich mich auf Alec und riss und zerrte an ihm, um ihn von Nate loszubekommen, aber er ließ sich nicht von seinem Vorhaben, meinen Bruder zu töten, ablenken.
„Alec, du bist zu Hause! Du bist hier bei mir!“, schrie ich panisch, während ich hart an seinen Haaren zerrte, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber er reagierte nicht.
Nates Versuche, sich aus Alecs Griff zu winden, wurden schwächer. Er verdrehte die Augen, die Pupillen verschwanden hinter den Lidern und man sah nur noch das blutunterlaufene Weiß. Seine Arme fielen leblos in den Schnee. Ich schrie verzweifelt auf und fing an, laut zu schluchzen.
„Alec, du tötest ihn! Er stirbt!“, weinte ich.
Das schien ihn zurückzuholen. Sein Griff um Nates Hals lockerte sich, sein Blick wurde wieder klar und er keuchte erschrocken auf, als er Nates leblose Gestalt unter sich vorfand. Er schob mich sanft beiseite und begann, Nate wiederzubeleben. Ich fiel kraftlos nach hinten. Der Schnee fing mich auf und umhüllte mich. Wie betäubt blieb ich in der nassen Kälte liegen und starrte in den weiß-grauen Himmel. Meine Kehle kratzte vom Schreien und Weinen. Ich spürte, wie meine Tränen auf den Wangen gefroren. Und nach ein paar Minuten hatte die Kälte sich durch meine Kleidung und Glieder hinein in mein Herz gearbeitet und ich schloss dankbar die Augen. Eine einnehmende Müdigkeit ergriff mich und raubte mir meine letzten Sinne.

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