18. Dezember 2017

Türchen 18

Heute „öffnest“ du das 18. Türchen des „Bücherblog-Freyheit-Adventskalender“s und damit das letzte Kapitel der interaktiven Geschichte. Ich bedanke mich für alle Kommentare und entschuldige mich jetzt schon dafür, dass wahrscheinlich die ein oder andere Frage offen bleiben wird und auch alle Konflikte nicht gelöst werden können. Dazu war das Projekt einfach zu kurz.
Ich hoffe, du hattest trotzdem Spaß und dir gefällt das Ende dieser kleinen Geschichte. :)

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Wütend warf ich Alecs Sachen in die Reisetasche, die auf meinem Sessel lag. Er hatte vor einer halben Stunde versucht, mich durch die Tür zu trösten, weil ich mich vehement geweigert habe, ihm diese zu öffnen. Letztendlich hat er es jedoch aufgegeben und sich seitdem nicht noch einmal gemeldet. Und aus irgendeinem Grund machte mich das noch wütender. Als ich seine Jeans vom Boden neben seinem provisorischem Bett aufhob, fiel etwas aus einer der Taschen. Verwundert hob ich das kleine, quadratische Päckchen auf. Warum hatte Alec ein Kondom zum Besuch bei meinen Eltern mitgenommen? Er hatte doch nicht wirklich geglaubt, dass ich ihm verzeihen würde und wieder mit ihm anbandeln würde. Wutschnaubend pfefferte ich das Kondom in den Mülleimer und die Jeans gleich hinterher. Dann zog ich so gewaltsam den Reißverschluss der Tasche zu, dass er abriss. Das beruhigte mich. Irgendwie fühlte es sich an, als hätte ich mich auf diese Weise wenigstens ein wenig an Alec rächen können. Auch wenn ich mir mittlerweile eingestanden hatte, dass ihn nicht wirklich Schuld traf. Wahrscheinlich sahen meine Eltern – oder zumindest mein Vater – das genauso. Denn obwohl dieser immer sehr direkt und offen war, hatte er sich mit den Anschuldigungen gegen Alec zurückgehalten. Und das Alec gefährlich sein konnte, konnte wirklich niemand bestreiten. Ich am wenigsten. Instinktiv betastete ich die Narbe am Hinterkopf. Meine Haare verdeckten das Mal glücklicherweise. Es erinnerte mich an das Scheitern meiner Ehe – an mein Scheitern. Ich hatte meinem Ehemann nicht helfen können, als er zu mir zurückgekommen war. Ich hatte zunächst nicht einmal erkannt, dass er nicht mehr derselbe war. Denn tagsüber konnte Alec seine Störung sehr gut verbergen. Aber nachts, wenn die Albträume ihn heimsuchten, war er angreifbar und schutzlos. Und wenn er dich dann in die Finger bekam, konntest du nur hoffen, dass er rechtzeitig wieder klar war, bevor er dich ernsthaft verletzt hatte... oder schlimmeres. Ich hätte wenigstens Nate von Alecs Problemen erzählen sollen. Aber ich dachte, ich würde Alec durch mein Schweigen schützen. Oder vielleicht schützte ich mich nur selbst... Vor den Vorwürfen anderer.
„Du hättest mehr machen können!“
„Wie kannst du deinen Ehemann in seiner Lage verlassen?“
„Er hat so viel geopfert und du verlässt ihn schon nach einem kleinen Unfall?“
Vielleicht habe ich Nate auch Unrecht getan und er hätte viel verständnisvoller reagiert. Aber jetzt ist es zu spät. Und vielleicht kann ich mich nicht einmal mehr dafür entschuldigen.
Ich rieb mir über die trockenen Augen, um weitere Tränen zu verhindern. Weinen nützte nichts. Es raubte mir nur die letzten, verbliebenen Kräfte.
Ich kramte die Jeans aus dem Papierkorb und legte sie sorgfältig zusammen in die Reisetasche. Ich sah auf die Uhr über meinem Bett. Zwei Stunden hatte ich mich in das Zimmer gesperrt. Plötzlich verspürte ich die große Angst, dass Alec gegangen war und mich alleingelassen hatte. Aber dann sah ich die Schneemassen vor dem Fenster.
Als ich die Tür endlich aufschloss und öffnete, kam mir ein verführerischer Duft entgegen. Süß, aber auch herzhaft. Verwundert schlich ich hinunter in die Küche. Alec bemerkte mich eine ganze Zeit nicht. Er hantierte an Herd und Ofen herum. Der Esstisch war festlich gedeckt, mit einer dunkelroten Tischdecke, einem Tannengesteck, Kerzen und Gedeck für zwei. Wilsons Napf war mit den Blumen aus der Vase im Flur verziert worden. Ich lehnte mich an den Türrahmen und sah Alec eine Weile beim Kochen zu. Als ich genug gesehen hatte, ließ ich ihn abermals allein, um nochmal meinen Vater anzurufen. Er teilte mir mit, dass sich an Nates Zustand nichts geändert hatte. Unter dem Baum im Wohnzimmer hatte sich inzwischen ein großes Geschenk zu den bunten Boxen dazugesellt. Es war ein hölzernes Schaukelpferd mit einer roten Geschenkschleife um den Hals. Ich lächelte. Als Alec und ich uns als Teenager kennengelernt hatten, hatte ich ihm einmal gesagt, dass man meiner Meinung nach nie zu alt für Hüpfburgen und Schaukelpferde war.
„Das riecht gut.“, machte ich mich bemerkbar, als ich zu Alec zurückkehrte.
Sein Blick war erst vorsichtig. Er schätzte meine Laune ab. Als sich meine Mundwinkel leicht anhoben, entspannten sich seine Gesichtszüge und er erklärte mir aufgeregt, was er alles zubereitet hatte. Klöße, Rotkohl, Gans, Brötchen. Eine dunkle Soße mit einem großzügigen Schuss Rotwein. Er stellte einen kleinen Teller vor mir ab. Der süße Duft von Apfel und Marzipan drang in meine Nase.
„Eine Entschuldigung meinerseits.“, fügte er hinzu und deutete auf den Bratapfel.
Ich nahm einen Bissen und schloss genussvoll die Augen.
„Lecker.“, lobte ich ihn.
Er setzte sich mit leuchtenden Augen zu mir an den Tisch. Betreten knetete er das Handtuch in seinen Händen.
„Samantha, ich -“, begann er, aber ich hob kopfschüttelnd die Hand.
„Lass uns bitte für heute Abend so tun, als wäre nichts passiert. Wir beide haben uns nie getrennt, dir, Nate und Wilson geht es gut und wir feiern einfach nur Weihnachten zusammen.“, bat ich um Aufschub.
Er nickte langsam, aber sah nicht überzeugt aus. Dann zuckte er mit den Schultern.
„Soll mir recht sein.“
Uns beiden war sehr gut bewusst, dass wir uns nicht ewig vor unseren Problemen verstecken konnten, aber ich brauchte eine Pause. Es war eine Menge passiert und es kommt noch einiges auf mich zu. Ich griff über den Tisch nach Alecs Hand und umschloss sie mit meinen.
„Es tut mir leid, dass ich nicht für dich da war, als du mich gebraucht hast.“, sagte ich schnell, bevor ich mich eines Besseren belehren konnte.
Er beugte sich zu mir, legte die freie Hand in meinen Nacken und zog mich zu sich. Als sich unsere Lippen trafen, fühlte es sich gleichzeitig vertraut und neu an. Der Kuss schmeckte nach Marzipan. Lachend kletterte ich auf sein Schoß, schlang die Beine um ihn und legte meine Stirn an seine.
Das Telefon klingelte.

Kommentare:

  1. Das kann doch nicht das Ende sein!
    Ist Wilson jetzt tot? Was passiert mit Nate? Und woher hat Alec die Störung überhaupt?
    Soooo viele Fragen. :'D

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    1. Ich könnte nochmal eine kurze Weiterführung schreiben, aber erst im nächsten Jahr. Da kann ich auf alle Fragen eingehen. :)
      - Frani

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  2. Trotz des schnellen Endes eine coole Idee!! Gerne wieder. ;-)

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  3. Wie jetzt? Das war es?
    Kind, dass kannst du so aber nicht stehen lassen!
    Ich erwarte ein würdiges Ende!

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    1. War zu wenig Zeit und Platz, um die Geschichte wirklich "reifen" zu lassen. Konnte alles nur anschneiden. :(
      - Frani

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